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IT am Zug als innovatives Start-Up innerhalb der DB Fahrzeuginstandhaltung

Die DB Fahrzeuginstandhaltung arbeitet akribisch an Innovationen, um stets auf dem neusten Stand der fortschreitenden Digitalisierung zu sein. Das Team von IT am Zug begibt sich mit seiner modernen Vorstellung von Arbeitsmodellen und seinem Produktportfolio Colibri auf neue Wege innerhalb und außerhalb des Konzerns.

Das digitale Produkt Colibri

Besondere Auflagen, geringe Stückzahlen und ein speziell benötigtes Expertenwissen machen die Bahnbranche nur für wenige spezialisierte IT-Firmen interessant. Es gibt viele verschiedene Lösungen, aber keinen integrierten Ansatz. Das hat die DB Fahrzeuginstandhaltung geändert.

Zusammen mit einer Vielzahl externer Partner wird hier seit rund drei Jahren an einer modernen IT-Lösung gearbeitet. Dessen modulares Produktportfolio besteht aus Basisprodukten, Anwendungen und Instandhaltungslösungen. Es wurde aufbauend auf der Expertise der DB Fahrzeuginstandhaltung zur Modernisierung von Schienenfahrzeugen entlang der gesamten Reisekette entwickelt und kann in alle Fahrzeuge des Schienen- und Straßenverkehrs sowie an Stationen angewendet werden.

Um die unterschiedlichen Bedürfnisse insbesondere des Nahverkehrs zu bedienen, wurde sich bewusst gegen ein Komplettpaket DB-eigener Lösungen entschieden. Stattdessen setzt man unter dem Produktnamen „Colibri“ (kurz für Coach Link for Broadband Information Exchange) auf ein Plattformkonzept für interne und externe Produkte und Services. Die Komponenten können je nach Kundenwunsch zusammengesetzt und integriert werden. Zum Portfolio gehören Kunden-WLAN, Videoüberwachung, Diagnose und Condition Based Maintenance, automatische Fahrgastzählung, Reisendeninformation sowie Einbau- und Betriebsführungsservice.

Durch diesen modularen Ansatz wird Colibri zum Appstore für Züge. EVUs haben die Möglichkeit ihre Fahrzeuge über den kompletten Lifecycle mit modernster Technik auszustatten, ohne sich von einzelnen Lieferanten abhängig zu machen. Das Konzept der Entkopplung von Hard- und Software ermöglicht eine einfache Integration und Zusammenarbeit mit externen Partnern, aber auch das schnelle Agieren bei spontan auftretenden Problemen plus den Wechsel auf den kommerziell und fachlich besten Anbieter – ohne Auswirkung auf andere Komponenten oder Anwendungen.

Die nachrüstbare Plattform schafft so eine wirtschaftliche Alternative zur Abhängigkeit von OEMs bei der IT-Ausstattung von Fahrzeugen.

Deutschlandweit sind rund 1.000 Schienenfahrzeuge und stationäre Systeme mit der modularen IT-Lösung ausgestattet. Größter Kunde ist DB Regio mit über 900 Systemen. Neben großen Kunden wie den S-Bahnen Rhein-Main und Stuttgart konnte zuletzt mit dem Netz Elbe-Spree Europas größte Ausschreibung im SPNV für das Gesamtportfolio gewonnen werden.

Aktuelle Nutzerzahlen zeigen die gute Performance im Personenverkehr: Mehr als 249.000 Fahrgäste nutzen das Colibri-WLAN täglich. Sie surfen durchschnittlich 24 Minuten bei einem Verbrauch von 28,3 MB pro Session. Im Jahr 2018 surften die Fahrgäste insgesamt 700 Millionen Minuten und verbrauchten 800 TB. 2019 wurde diese Zahl schon während der ersten drei Monate überschritten.

Culture follows structure – eine innovative Organisation bei der DB Fahrzeuginstandhaltung

Die DB Fahrzeuginstandhaltung hat mit ihrer Organisationseinheit „IT am Zug“ und Colibri etwas Neues gewagt und arbeitet am Puls der Zeit. Das erfordert auch, dass aktuelle und bewährte Entwicklungsprozesse und -werkzeuge angewendet werden. Neue Prozesse und Tools einzuführen ist dabei unumgänglich. Agiles Arbeiten und die daraus resultierenden Ergebnisorientierung der Teams sind die unternehmerische Antwort auf steigende Komplexität und Dynamik ausgelöst durch Kundenwünsche und den Standard der Technik außerhalb der Bahnbranche.

Um diesen Anforderungen gerecht zu werden, arbeitet das Team rund um Colibri nach dem Motto „culture follows structure“. Denn um die Kultur (in einem Team) zu verändern, muss man bei der Struktur anfangen, so die Theorie nach Craig Larman. IT am Zug agiert durch innovative Ideen und Arbeitsmodellen als innovatives Start-Up innerhalb der DB Fahrzeuginstandhaltung.

Branchenfremde Mitarbeiter unterstützen das crossfunktionale Team mit branchenfremden Ideen, wie zum Beispiel der Integration von Entertainmentprodukten, die auch offline genutzt werden können. Gemeinsam mit dem Bahn-Knowhow der anderen Kollegen führte dieses Brainstorming in Kombination mit Freiraum zum Experimentieren dazu, dass im laufenden Westfrankenbahn-Projekt eine Kooperation mit dem Start-up DailyMe TV entstand. Von der Idee bis zur Umsetzung vergingen drei Wochen. Seither können Fahrgäste im Onboard-Entertainment-Portal der Westfrankenbahn TV-Inhalte samt Offline-Funktionalität streamen.

Modern, digital und agil – Arbeitsprozesse bei Colibri

Bahnnormen wie die EN 50657 für die Softwareentwicklung bei Schienenfahrzeugen erfordern ein striktes Vorgehen nach V-Modell. Für IT am Zug bedeutet das jedoch nicht, dass moderne Werkzeuge wie Scrum, Kanban oder Elemente aus Management 3.0 nicht eingesetzt werden können.

Bestimmt durch die Marktprioritäten werden fernere Arbeitspakete noch grob beschrieben, abgeschätzt und geplant. Wenn der Abarbeitungszeitraum näher rückt, aktualisiert das Team die Arbeitsinhalte und dessen Abschätzungen in einem Ticketing-Tool, das neben den Arbeitsinhalten auch Aufwand, Release-Zeitraum und aktuellen Bearbeitungsstatus transparent wiedergibt. Das hat sich als ein guter Kompromiss zwischen agilem Arbeiten und langfristiger Ressourcenplanung bewährt. Durch die ständige Konkretisierung der Arbeitspakete mit näher rückendem Umsetzungszeitpunkt durchlaufen diese auch wiederholt Qualitätsschleifen, werden auf Aktualität, Relevanz und zwischenzeitlich entstandenen Synergieeffekten mit anderen Projekten hin überprüft.

Wenn es um eine effiziente Bearbeitung großer Mengen an Anforderungen geht, kann nur mit digitalen Werkzeugen der Überblick behalten werden (Requirement Management). Dabei helfen digitale Schnittstellen zu Kunden und Zulieferern, den Informationsfluss über die Firmengrenzen hinweg mit nötiger Präzision und Effizienz zu steuern.

Betriebsführung 2.0 – 24/7 Überwachung und Fehlerbehebung

Neben der Entwicklung und Implementierung ist die Betriebsführung ein wesentlicher Anteil am Geschäft mit den Colibri-Systemen. Diese werden nicht nur eingebaut und an den Betreiber übergeben, sondern zum großen Teil auch über Betriebsleistungsvereinbarungen über den Lebenszyklus durch die DB Fahrzeuginstandhaltung und IT am Zug weiterbetreut.

Über das Remote-Control-System (RCS) – eine Web-Oberfläche, zu der auch die Fahrzeughalter Zugang haben – können die Systeme permanent überwacht werden. Dabei senden sie nicht nur Statusmeldungen zu den technischen Komponenten wie Switchen, Access Points oder Netzwerkkomponenten. Auch produktionsrelevante Meldungen wie die Auslastung der Fahrzeuge, Ortungsinformationen oder Diagnosedaten können hier in nahezu Echtzeit aus den Fahrzeugen ausgelesen werden.

Darüber hinaus dient das RCS als Werkzeug zum Remote-Updaten von Fahrzeugen. Über das Nutzermanagement können dedizierten Nutzern Rechte zum Update von Softwaremodulen eingeräumt werden, was es möglich macht, die von der Leittechnik rückwirkungsfreie Software auf dem Stand der Technik zu halten, ohne dass das Fahrzeug dazu einen Werkstattaufenthalt benötigt. Die Softwareupdates werden dabei über Mobilfunk übertragen, was ein Update ganzer Flotten binnen Minuten möglich macht.

Digitalisierung im Vertrieb – Moderne Vermarktungsstrategien innerhalb des Konzerns

Das Geschäftsmodell basiert auf Einmaleffekten aus Umbau- und Materialfertigung und auf laufenden Lizenz- und Serviceerlösen. Da Software keine Grenzkosten hat, bezahlen Unternehmen nur die für sie relevanten spezifischen Anpassungen. Bei allgemeiner Systementwicklung partizipieren die Kunden über ein Lizenzmodell an der Weiterentwicklung, ohne dafür direkt zur Kasse gebeten zu werden. Neben diesem Modell werden dem Kunden zusätzlich Refinanzierungsmöglichkeiten mit an die Hand gegeben. Ein Beispiel hierfür ist werbebasierter Content auf Informationsdisplays im Fahrzeug und im WLAN-Portal. Dieser Content kann Uhrzeit- aber auch ortsspezifisch ausgespielt werden.

Der neuste Clou ist die Möglichkeit aus Colibri ein Whitelabel-Produkt zu machen. Das betrifft nicht nur die Hard- und Software auf dem Fahrzeug, sondern auch die Backend-Systeme. Der Kunde formuliert die Voraussetzungen, die in Colibri implementiert werden. Der Transfer des Status Quos geschieht dann im Austausch für Lizenzen. Im Nachgang werden die Kunden weiterhin bei Implementierung und Ausführung beraten und sind nicht davon abgehalten das Produkt unabhängig weiterzuentwickeln oder die Weiterentwicklung gemeinsam mit der DB Fahrzeuginstandhaltung zu gestalten.

Resümee und Ausblick

Mit Colibri wird die Integration innovativer Geschäftsmodelle erprobt und neue Systementwicklungen getestet. Als stärkster Partner für Flottenmobilität in Europa erweitert die DB Fahrzeuginstandhaltung mit Colibri ihr Portfolio neben der klassischen Schweren Instandhaltung auch um die Fahrzeug IT und optimiert so Mobilität auf der Schiene.

Zur Steigerung der Kundenorientierung und zur Generierung von neuem Geschäft werden trotz der Schnelligkeit des Tagesgeschäfts Freiräume geschaffen für Innovationsrunden. Neuste Business Cases fokussieren sich zum Beispiel auf die Kundenbindung durch Gamification-Möglichkeiten im WLAN-Portal oder die Ermittlung der Fahrzeugauslastung. Drei unterschiedliche Technologien werden hierfür in Betracht gezogen: automatische Fahrgastzählung durch Infrarot-Sensoren im Türrahmen, Einarbeitung von kabellosen Internet of Things-Sensoren in Sitzpolster sowie videobasierter Objekterkennung. Auf der InnoTrans 2018 konnten einige dieser Prototypen bereits besichtigt und getestet werden.

Die Digitalisierung steht nicht still, ebenso wie die Weiterentwicklung von Colibri. Egal welche IT-Entwicklungen es in Zukunft geben wird – die DB Fahrzeuginstandhaltung hat die Vision diese innerhalb einer Woche in Schienenfahrzeuge integrieren zu können.